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Die reiche Gesellschaft, die gute Gesellschaft, die freie Gesellschaft:
wie können wir alle drei haben?

Prof. Dr. Lord Ralf Dahrendorf
Sendezeit: So. 20.05.2007, 8.30h

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Reich sind die Länder Westeuropas und Nordamerikas alle. Dennoch sind die „Altreichen“ im letzten Jahrzehnt unsicher geworden. Sie trauen ihrem Wohlstand nicht mehr, sie entdecken, dass dieser nicht selbstverständlich ist und erleben eine Verschlechterung ihrer Lebensbedingung. Welchen Preis müssen wir in der globalisierten Welt für unseren Wohlstand bezahlen? Einen Preis an sozialer Solidarität? Einen Preis an Freiheit? Gibt es einen andren Weg, gibt es Alternativen? Lord Ralf Dahrendorf war Mitglied des deutschen Bundestags, parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Mitglied der Europäischen Kommission und Direktor der London School of Economics and Political Science. Als Professor der Soziologie, Politiker und Publizist war er auf vielfältige Weise im öffentlichen Leben Europas präsent.

Zur Person

Lord Ralf Dahrendorf, geboren 1929, studierte Philosophie und Klassische Philologie in Hamburg und London. Promotion 1952, Habilitation 1957. 1958 erhielt Dahrendorf einen Ruf als Professor für Soziologie an die Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg. Nach einer Gastprofessur an der Columbia University in New York lehrte er ab 1960 an der Universität Tübingen. 1966 wechselte er an die Universität Konstanz. Ab 1969 beurlaubt, kehrte er 1984 wieder auf seinen Konstanzer Lehrstuhl zurück (bis 1987). Als stellv. Vorsitzender des Gründungsausschusses für die Universität Konstanz (1964-1966) und Berater der Landesregierung Baden-Württemberg in Bildungsfragen (1964-1968) erarbeitete Dahrendorf mit Professoren und Industriellen 1967/1968 einen "Hochschulgesamtplan für Baden-Württemberg", den sog. "Dahrendorf-Plan", in dem u. a. ein Kurzstudium empfohlen wurde.
Neben der akademischen Laufbahn war Dahrendorf als Politiker, Journalist, Ökonom und Vordenker der Liberalen im öffentlichen Leben Europas auf vielfältige Weise präsent. 1947 trat er der SPD bei. Die Mitgliedschaft verfiel 1952. 1962 kandidierte Dahrendorf in Tübingen auf der FDP-Liste für den Gemeinderat und wurde am 27. Okt. 1967 Mitglied der Liberalen. 1968 kam er für die FDP in den Landtag von Baden-Württemberg. Seit Anfang 1968 war er zudem Vorstandsmitglied im südwestdeutschen FDP-Landesverband und ab Dez. 1969 Bezirksvorsitzender in Konstanz. Von Jan. 1968 bis Sept. 1974 gehörte Dahrendorf dem FDP-Bundesvorstand an. Auf dem Freiburger Bundesparteitag der FDP Ende Jan. 1968 kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Vordenker der APO (Außerparlamentarische Opposition), Rudi Dutschke, und Dahrendorf, der sich im Verlauf der Diskussion von der APO entschieden absetzte.
1969 wurde Dahrendorf über die BW-Landesliste in den Bundestag gewählt. Der damalige Außenminister und FDP-Vorsitzende Walter Scheel holte ihn als Parlamentarischen Staatssekretär ins Auswärtige Amt, aber schon Ende Mai 1970 wechselte Dahrendorf als zweites deutsches Mitglied zur Europäischen Kommission nach Brüssel. Hier war er für Außenhandel und Äußere Beziehungen der EWG verantwortlich. Beträchtliches Aufsehen erregten im Sommer 1971 zwei unter dem Pseudonym "Wieland Europa" in der "ZEIT" veröffentlichte Artikel, in denen Dahrendorf scharfe Kritik an den Europäischen Institutionen und an der Arbeitsweise der Berufs-Europäer übte. Mit der Erweiterung der EG-Kommission (Beitritt von Dänemark, Großbritannien und Irland) verlor Dahrendorf 1973 sein Ressort an den britischen EG-Kommissar Sir Christopher Soames. Er erhielt in der nun 13-köpfigen Kommission die Zuständigkeit für Bildung, Forschung und Wissenschaft.
Im Sept. 1974 schied Dahrendorf aus der EG-Kommission aus und wurde am 1. Okt. 1974 Rektor der London School of Economics. Er leitete diese renommierte sozialwissenschaftliche Forschungsstätte bis Herbst 1984. Ende 1982 übernahm er als Nachfolger von Hans Wolfgang Rubin den Vorsitz der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung. Im Jan. 1983 forderte er in einem brillanten Grundsatzreferat auf dem Dreikönigstreffen der FDP in Stuttgart eine programmatische Erneuerung der Partei mit neuen Formen der sozialen Bindungen, der Selbsthilfe und der Solidarität. Als Dahrendorfs Vertrag mit der London School of Economics ausgelaufen war, übernahm er erneut eine Soziologie-Professur an der Universität Konstanz. Im Sommer 1986 begann für ihn auf Einladung der Russell Sage Foundation ein einjähriger Forschungsaufenthalt in New York. Nach seiner Rückkehr wurde Dahrendorf im Sept. 1987 Rektor ("Warden") am St. Anthony's College in Oxford (bis Sept. 1997). Mit dem Wechsel nach England gab er den Vorsitz der Friedrich-Naumann-Stiftung ab und trat im April 1988 aus der FDP aus. Spekulationen, denen zufolge dieser Schritt mit seiner Unzufriedenheit über den Zustand der Partei unter dem Vorsitzenden Martin Bangemann zu tun habe, wies er zurück. In England schloss sich Dahrendorf den Sozialliberalen unter Führung von David Steel an.
Während seines öffentlichen Wirkens diesseits und jenseits des Kanals blieb Dahrendorf wissenschaftlich wie publizistisch einer der wichtigsten Vertreter der liberalen Staats- und Gesellschaftstheorie in Europa.

Ausgewählte Veröffentlichungen

  • Die angewandte Aufklärung: Gesellschaft u. Soziologie in Amerika. Piper Verlag, München, 1962
  • Homo Sociologicus: ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle. Westdeutscher Verlag, Köln/Opladen, 1965
  • Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. Piper Verlag, München, 1965
  • Konflikt und Freiheit: auf dem Weg zur Dienstklassengesellschaft. Piper Verlag, München, 1972, ISBN 3-492-01782-7
  • Class and class conflict in industrial society. Stanford Univ. Press, Stanford, 1973
  • Pfade aus Utopia: Arbeiten zur Theorie und Methode der Soziologie. Piper Verlag, München, 1974, ISBN 3-492-00401-6
  • Lebenschancen: Anläufe zur sozialen und politischen Theorie. Suhrkamp-Taschenbuch, Frankfurt a.M., 1979, ISBN 3-518-37059-6
  • Die neue Freiheit: Überleben und Gerechtigkeit in einer veränderten Welt. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 1980, ISBN 3-518-37123-1
  • Die Chancen der Krise: über die Zukunft des Liberalismus. DVA, Stuttgart, 1983, ISBN 3-421-06148-3
  • Fragmente eines neuen Liberalismus. DVA, Stuttgart, 1987, ISBN 3-421-06361-3
  • Der moderne soziale Konflikt: Essay zur Politik der Freiheit. DVA, Stuttgart, 1992, ISBN 3-421-06539-X
  • Liberale und andere: Portraits. DVA, Stuttgart, 1994, ISBN 3-421-06669-8
  • Werner Bruns, Döring Walter (Hrsg): Der selbstbewusste Bürger. Bouvier Verlag, 1995
  • Die Zukunft des Wohlfahrtsstaats. Verl. Neue Kritik, Frankfurt a.M., 1996
  • Liberal und unabhängig: Gerd Bucerius und seine Zeit. C. H. Beck Verlag, München, 2000, ISBN 3-406-46474-2
  • Über Grenzen: Lebenserinnerungen. C. H. Beck, München, 2002, ISBN 3-406-49338-6
  • Auf der Suche nach einer neuen Ordnung: Vorlesungen zur Politik der Freiheit im 21. Jahrhundert. C. H. Beck, München, 2003, ISBN 3-406-50540-6
  • Der Wiederbeginn der Geschichte: vom Fall der Mauer zum Krieg im Irak; Reden und Aufsätze. C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51879-6
  • Engagierte Beobachter. Die Intellektuellen und die Versuchungen der Zeit. Passagen Verlag, Wien, 2005
  • Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung. C. H. Beck Verlag, München, 2006, ISBN 3-406-54054-6
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