
Exotismus und Zivilisationskritik:
Robert Müller „Tropen“ und Alfred Döblin „Amazonas“
Prof. Dr. Georg Braungart
Sendezeit: So. 23.11.2008, 8.30h
In der Literatur – aber auch in der bildenden Kunst – des Expressionismus gehört die Verbindung von Exotismus und Zivilisationskritik zu den Grundorientierungen. Ein Schlüsselwerk in dieser Hinsicht ist der erst in den letzten Jahren wiederentdeckte und in seiner Bedeutung erkannte Roman Tropen. Der Mythos der Reise. Urkunden eines deutschen Ingenieurs von Robert Müller aus dem Jahre 1915. Hier werden die Grenzen der menschlichen Natur im Zusammenhang einer Reise durch das Amazonasgebiet in exzessiver Weise getestet und ein antizivilisatorisches Experiment durchgespielt. Alfred Döblins Südamerika-Roman Das Land ohne Tod 1937/38 erschienen, war ebenfalls lange unterschätzt. Die Eroberung Südamerikas wird unter dem Gesichtspunkt des Verlustes dargestellt, der Zerstörung von Natur und der Vernichtung indianischer Zivilisation. Vom Autor wurde das Werk als eine Art „epischer Generalabrechnung mit unserer Zivilisation“ bezeichnet. So wird an diesen beiden Werken exemplarisch sichtbar, wie Europa im20. Jahrhundert in der literarischen Betrachtung Brasiliens und des Amazonas auf sich selbst schaut.
Georg Braungart, geboren 1955, Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Freiburg i.Br., Göttingen und Tübingen. Promotion 1986, Habilitation 1993. Von 1994 – 2003 Ordinarius für Neuere deutsche Literatur an der Universität Regensburg, seit 2004 an der Universität Tübingen. Mitherausgeber des Reallexikons der deutschen Literaturwissenschaft, der Buchreihe Studien zur deutschen Literatur und des Jahrbuchs für Computerphilologie.