Weiterführende Informationen zur Sendung
Tristan und Lancelot.
Die Entdeckung der personalen Liebe im 12./13. Jahrhundert
Professor Dr. Walter Haug
Sendezeit: So. 04.02.2001, 9.15h
Zum Vortrag
Mit den höfischen Epen 'Tristan' und 'Isolde' und 'Lancelot und Ginevra' beginnt im 12./13. Jahrhundert die Geschichte des abendländischen Liebesromans. Beide Texte widersprechen radikal den Anschauungen ihrer Zeit. Sie verherrlichen die personale erotische Du-Beziehung als die höchste Erfüllung des Lebens, und zwar am Beispiel der Liebe im Ehebruch. In der hochmittelalterlichen Adelsgesellschaft wurden Frauen jedoch politisch verschachert; eine freie Entscheidung für eine Liebesbeziehung war kaum vorstellbar, Ehebruch wurde mit brutalen Sanktionen geahndet. Die Kirche duldete Sexualität zwar im ehelichen Rahmen, sie blieb aber geringwertig gegenüber dem ideal der geschlechtlichen Abstinenz. Nur durch eine literarische Innovation, nämlich die Entdeckung der Fiktionalität, war es möglich, den Freiraum für ein Experiment zu schaffen, das überaus zukunftsträchtig sein sollte. Hören Sie Professor Dr. Walter Haug. Er lehrte bis 1995 Deutsche Sprachgeschichte an der Universität Tübingen.
Zur Person
Walter Haug, geboren 1927, studierte Germanistik, Theaterwissenschaft, Philosophie und Psychologie an den Universitäten Zürich, Wien und München. Er pomovierte 1952 mit einer Arbeit "Über den Begriff des Theatralischen bei Andreas Gryphius". Habilitation 1966 mit einer Untersuchung über "Orientalisch-mittelalterliche Literaturbeziehungen". 1967 Berufung auf den mediävistische Lehrstuhl der neu gegründeten Universität Regensburg. 1973 Wechsel nach Tübingen, 1995 Emeritierung. Danach Gastprofessuren in den USA, 1987 Verleihung des Leibnizpreises der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Göttingen und der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften sowie ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie. Er ist Herausgeber der "Bibliothek des Mittelalters" im Deutschen Klassikerverlag, Mitherausgeber der "Bibliotheca Germania", der Reihe "Fortuna vitrea" und der "Deutschen Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte".
Ausgewählte Veröffentlichungen
- Das Land, von welchem niemand wiederkehrt. Mythos, Fiktion und Wahrheit in Chrétiens "Chevalier de la Charrete", im "Lanzelet" Ulrichs von Zatzikhoven und im "Lancelot"-Prosaroman, Tübingen 1978
- Literaturtheorie im deutschen Mittelalter, Darmstadt WBG, 2. Aufl. 1992
- Für eine Ästetik des Widerspruchs, Neue Überlegungen zur Poetologie des höfischen Romans, in: Nigel Palmer/Hans-Jochen Schiewer (Hrsg.): Mittelalterliche Literartur und Kunst im Spannungsfeld von Hof und Kloster, Tübingen 1999, S. 211-228.


